Peugeot 202, Fin 834786 – in knapp 90 Jahren nur 3 Besitzer

Autor: Lucas Rupprecht

Wir freuen uns immer, wenn junge Menschen sich für Vorkriegswagen interessieren. Etwas sehr Besonderes ist es, wenn – wie bei unserem Mitglied Lucas Rupprecht – durch ausführliche Recherche und lange Suche ein Wagen mit durch Dokumente lückenlos nachgewiesener Geschichte gefunden wird. Die in Klammern gesetzten Zahlen im Text beziehen sich auf mündliche und schriftliche Überlieferung (1), ansonsten auf die nummerierten vorhandenen Dokumente, die diesem 202 mittels des vermerkten Erst-Kennzeichens 2090 DU4 oder der Rahmennummer 834786 eindeutig zugeordnet werden können. Lassen wir den Besitzer jetzt aber selbst erzählen:

Der 202 von Lucas Rupprecht heute
Die originale Christophorus-Plakette mit Namen der Erstbesitzerin am Armaturenbrett (2)

Im Frühjahr 1939 schenkten (1) die wohlhabenden Weingutsbesitzer Jeanne und Antonin Bonjean in Monthélie, Département Côte d’Or (2) ihrer 19-jährigen Tochter Louise diesen Peugeot 202, der kurz zuvor das Werk in Sochaux verlassen hatte (3) und an die Garage Champion in Beaune (1) ausgeliefert worden war.

Die Zulassung

Mademoiselle Louise Bonjean ließ ihn am 05.04.1939 auf ihren Namen und das Kennzeichen 2090DU4 registrieren (2). Schon am 24.05.1939 wurde der Wagen dann im Auftrag des französischen Kriegsministeriums vom kommandierenden General der Artillerie in Dijon zur Enteignung erfasst (4), selbst nach der
Kriegserklärung Frankreichs an das Deutsche Reich am 03.09.1939 kam es dazu aber nicht.

und die – nie umgesetzte – farnzösische Mobilmachung

Von den rapiden Ereignissen und dem Einmarsch der Wehrmacht ab dem 10.05.1940 blieb Louise unbehelligt. Sie fuhr, vielleicht weil das elterliche Weingut kriegswichtig war, trotz inzwischen rationierter Benzinzuteilungen (5) mit ihrem Peugeot im noch unbesetzten Teil Frankreichs. So beispielsweise Anfang Juni 1940, ungeachtet der von Norden zügig nahenden Wehrmacht, ins 560 Kilometer entfernte Angers an der Loire. Am 11.06.1940, kurz vor seiner
Einnahme, kehrte sie Richtung heimatlichem Monthélie zurück, stets ein wenig südlich des Frontverlaufs fahrend (1). Trotz der Kriegsereignisse behielt sie ihren 202, für den das Bürgermeisteramt Monthélie am 17.06.1941 fünf neue Michelin-Pneus bewilligte (6). Danach verbarg sie den Peugeot in einer trockenen Garage des elterlichen Weingutes (1).

Benzinbezugskarte (oben) und “Carnet de Consommation” (unten)
sowie Reifenbezugskarte (ganz unten)


Louise Bonjean, inzwischen Madame Chapron-Bonjean, nahm ihren 202 erst am 20.03.1946 wieder in Betrieb, unter seinem bisherigen Kennzeichen (7).

Die Wiederzulassung 1945 (oben) sowie die Einstufung für den Privatgebrauch 1946 (unten)

Über die Winter jeweils abgemeldet nutzte sie den 202 bis in die späten 50er Jahre (8) und stellte ihn anschließend für mehr als zwei Jahrzehnte in seiner Garage ab. Am 01.07.1980 vermachte sie ihren treuen Begleiter ihrem in Deutschland studierenden Neffen, der ihn aber nie zurück auf die Straße brachte, sondern angemessen untergebracht unberührt beließ (1).

Zulassungsverlängerung 1955

Durch eine Anzeige im Oldtimer-Markt 12/1984 (9) erfuhr der Zweitbesitzer von diesem 202 und seiner bewegten Geschichte und kaufte ihn am 22.01.1985 (10).

Die Annonce in Oldtmermarkt 12/1984 (oben) und der Kaufvertrag aus dem Januar 1985 (unten)

Die Bestandsaufnahme ergab wesentlich mehr Positives als Negatives:
Der Peugeot befand sich in unrestauriertem, komplettem Originalzustand, unfallfrei, ohne jegliche Rostschäden und hatte bisher nur 34.125 Kilometer zurückgelegt. Alle wichtigen Aggregate wie Motor, Kupplung, Getriebe, Kardanwelle, Differenzial, Lenkung, Radaufhängung, Bremsanlage, 12-Volt-Lichtmaschine etc funktionierten. Aber: Kühler und Wasserpumpe waren undicht, Zündung und Vergaser verstellt, der Anlasser klebte beim Ausrücken, alle elektrischen Leitungen waren brüchig und alle Gummiteile der Karosserie spröde, die hydraulischen Stoßdämpfer wirkungslos, der Benzintank innen verrostet, die Reifen von 1941 steinhart. Fahrtrichtungsanzeiger jedweder Art hatte dieses Auto nie und auch nur je ein einzelnes Bremslicht rechts und Schlusslicht links. Die Sitze und Seitenteile waren aus einem sehr groben und unansehnlichen Gewebe.

Aufgrund der hervorragenden Substanz, der einzigartigen Identität und der organischen Patina beschloss der Zweitbesitzer, den 202 nicht komplett zu restaurieren, sondern nur wo nötig zu reparieren, seine Verkehrssicherheit zu verbessern und ihn an die heutigen Vorschriften anzupassen. Damit war klar, dass sichtbare, aber reversible Veränderungen notwendig wurden.
Die Öle in Motor, Getriebe und Differenzial wurden ersetzt, die Ölwanne demontiert und grundgereinigt, der Kühler mit neuem Netz und regulierbarer Jalousie samt Thermometer versehen. Wasserpumpe und Anlasser wurden überholt, Zündung und Vergaser präzise eingestellt, Zündkerzen und alle elektrischen Leitungen erneuert, zur Entlastung der wertvollen Schalter mehrere Relais eingebaut und sämtliche Gummiteile ausgetauscht. Die vorderen hydraulischen Stoßdämpfer erhielten neue Kugellager und selbst gefertigte Ventile, die intakten hinteren nur eine neue Ölfüllung. Der Benzintank wurde
professionell saniert, der Tankanzeigengeber repariert.
Die originalen Pilot-Felgen wurden restauriert und konserviert, stattdessen aber historische Mangels-Felgen montiert, die in Abmessungen und Fahrsicherheit höhere Anforderungen erfüllen. Helle Blink-, Schluss-,Brems- und Kennzeichenleuchten wurden sorgsam in die Karosserie eingefügt sowie die
Scheinwerfer, ohne ihr Äußeres zu verändern, mit H4-Einsätzen versehen. Der Innenraum wurde nach dem originalen Schnittmuster neu gesattelt in schwarzem Stoff mit roter Zierlinie. Die Hohlräume an Schwellern und Türen wurden mit dauerhaftem Korrosionsschutz auf Wollfettbasis versehen und der patinierte Lack schonend aufgefrischt. Seit 2004 war der 202 dann durchgehend auf das deutsche Kennzeichen NW – N6 zugelassen, immer in Bewegung und
beim TÜV stehts mangelfrei (11).

Nach dem Tod des Zweitbesitzers lief der TÜV 2023 ab, der
Sohn führte den Wagen gelegentlich in der Nachbarschaft auf kurzen Bewegungsfahrten.

Vorläufiger Endpunkt der Geschichte: der Kaufvertrag vom März 2026

Im Jahr 2026 noch vorhandene Dokumente zu diesem fast 90 Jahre alten Fahrzeug:

  • Erstzulassungsbrief 05.04.1939
  • Personalisierte Christopherus-Plakette 1939
  • Erfassungs-Brief des französischen Kriegsministeriums 24.05.1939
  • Benzin-Rationskarte und Benzinverbrauchs-Aufzeichnungsbuch 1940
  • Quittung über 5 Michelin-Reifen und -Schläuche 1941
  • Zulassungsschein ‚Autorisation de Circuler‘ 1945
  • Fahrzeugerfassungsbrief 1946
  • KFZ-Versicherungspolice 1953
  • Neuer Brief 1955
  • Anzeige Oldtimermarkt 12/1984
  • Kaufvertrag des Zweitbesitzers 01/1985
  • Restaurierungs-Tagebuch mit Werkstattrechnungen und Zeichnungen 1985-2023
  • Kaufvertrag des Drittbesitzers (ich) 03/2026