Peugeot 202 mit unerwünschtem Weltruhm – der Wagen des Dr. Desourteaux in Oradour sur Glane

Peugeot 202 mit unerwünschtem Weltruhm - der Wagen des Dr. Desourteaux in Oradour sur Glane

Das Massaker von Oradour sur Glane

Kurz nach der Landung der Alliierten am 6. Juni 1944 wurde die 2. SS-Panzer-Division „Das Reich“ aus Südwestfrankreich in die Normandie verlegt.

Zur gleichen Zeit erhoben sich die Partisanen im Limousin, um die Invasion zu unterstützen und den Nachschub von deutschen Truppen an die Invasionsfront zu verhindern. Dabei gelang den Partisanen, die nichts von der heranrückenden SS-Division wussten, am 7. und 8. Juni 1944 ein großer Erfolg: Sie schafften es, Tulle, den Hauptort des Départements Corrèze, einzunehmen, in dem mehrere hundert deutsche Soldaten stationiert waren. Bei der Eroberung von Tulle verloren die Deutschen 122 Soldaten. Als Einheiten der Division „Das Reich“ am Abend des 8. Juni mit überlegenen Kräften Tulle erreichten, flohen die Partisanen aus der Stadt.

Am nächsten Tag übte die SS-Division massive Vergeltung für den militärischen Erfolg des französischen Widerstandes. Als Racheaktion wurden 99 willkürlich aus der Einwohnerschaft zusammengesuchte Geiseln erhängt.

Am 10. Juni umstellten kurz nach 14 Uhr rund 150 Soldaten das 22 Kilometer nordwestlich von Limoges gelegene Dorf Oradour-sur-Glane. Die Dorfbewohner wurden zunächst auf dem Marktplatz zusammengetrieben und dann, nach über einer Stunde, von der SS in Männer sowie Frauen und Kinder aufgeteilt. Die über 400 Frauen und Kinder wurden in der kleinen Kirche zusammengepfercht.

Französische Wohltätigkeitsmarke anlässlich des 1. Jahrestages der Zerstörung von Oradour-sur-Glane (1945)

Nach etwa eineinhalb Stunden zündeten SS-Leute eine in einer Kiste vor dem Altar befindliche Rauchbombe mit Stickgasen, was beißenden Qualm und Panik erzeugte. Als die Fenster der Kirche barsten, wurden die Eingeschlossenen beschossen und mit Handgranaten beworfen. Auch Fluchtversuche wurden durch heftigen Beschuss verhindert. Schließlich wurde Feuer in der Kirche gelegt; der hölzerne Dachstuhl des Kirchturms ging in Flammen auf und schlug schließlich durch das Dach des Kirchenschiffs auf die eingeschlossene Menge.

Peugeot 202 mit unerwünschtem Weltruhm - der Wagen des Dr. Desourteaux in Oradour sur Glane

Allein der 47-jährigen Bäuerin Marguerite Rouffanche gelang durch ein Fenster die Flucht in ein nahegelegenes Erbsenbeet, in dem sie, durch fünf Schüsse einer Maschinengewehrsalve schwer verletzt, bis zum nächsten Tag ausharrte und so überlebte. Ihr Augenzeugenbericht ist der einzige der Tat aus Opferperspektive; er wurde bei der Verhandlung vor dem Militärgericht in Bordeaux 1953 von mehreren SS-Angehörigen bestätigt.

Währenddessen waren die verbliebenen über 200 Männer und älteren Jungen in Garagen und Scheunen festgesetzt worden. Auf einen Signalschuss hin eröffneten die Soldaten gleichzeitig das Feuer zu ihrer Liquidation. Anschließend wurden die Leichenberge ohne Rücksicht auf verletzte Überlebende mit Hilfe von Stroh angezündet. Nur fünf Männern gelang rechtzeitig die Flucht; auch sie wurden teilweise schwer verletzt.

Peugeot 202 in Oradour sur Glane

Insgesamt starben 642 Menschen in Oradour, von denen später lediglich 52 identifiziert werden konnten. Unter den Toten befanden sich 207 Kinder und 254 Frauen. 36 Menschen überlebten das Massaker,

Nach dem Krieg wurde neben dem zerstörten alten ein neuer Ort aufgebaut. Den Überresten des alten Dorfes ist heute eine Mahn- und Gedenkstätte mit einem Dokumentationszentrum angeschlossen, das Centre de la mémoire.

Zerstörte Fahrzeuge in Oradour sur Glane

In einem Prozess vor einem französischen Gericht konnten 1953 nur noch 65 Täter angeklagt werden, der Rest war entweder im weiteren Verlauf des Zweiten Weltkrieges gefallen oder konnte nicht mehr festgestellt werden. Diejenigen Täter der Einheit, die aus dem Elsass stammten, wurden zu Haftstrafen verurteilt; durch ein Amnestiegesetz kamen sie jedoch frei.
In der Bundesrepublik Deutschland wurde niemand für das Kriegsverbrechen von Oradour zur Rechenschaft gezogen. Es gab zwar eine Reihe von Ermittlungsverfahren, die aber sämtlich nicht zur Anklageerhebung führten. In der DDR wurde Mitte der 1970er Jahre der SS Obersturmführer Heinz Barth wegen seiner Beteiligung am Massaker zu Lebenslanger Haft verurteilt. Er wurde 1997 aus der Haft entlassen und starb 2007.

Zerstörte Fahrzeuge in Oradour sur Glane

Der Familienname Desourtaux war in Oradour sehr verbreitet und mehrere Bürgermeister stammten aus dieser Familie.

Der Familienname Desourtaux war in Oradour sehr verbreitet und mehrere Bürgermeister stammten aus dieser Familie.

Dr. Desourteaux war von einem Patientenbesuch in Oradour zurückgekommen, während die Dorfbewohner zusammengetrieben wurden. Er parkte sein Auto außerhalb und wartete gemeinsam mit seinem Vater, dem Bürgermeister, auf das weitere Vorgehen. Auch sie kamen beim Massaker ums Leben. Daher ist es – auch wenn das anders dargestellt ist – nicht sein Peugeot 202, der heute auf dem Champ de Foire der Gedenkstätte Oradour zu sehen ist, sondern der 202 des Weinhändlers aus dem Dorf.

Zerstörte Fahrzeuge in Oradour sur Glane
Peugeot 202  in Oradour sur Glane

Im zerstörten Ort – dem heutigen Mahnmal – wurde alles nahezu so belassen, wie es die SS nach dem Massaker verlassen hat. Die Autos (darunter einige weitere Peugeots), die im Ort geparkt waren, stehen an Ort und Stelle und verrotten langsam – an den Fotos kann man den fortschreitenden Zerfall gut erkennen. Sie sind vermutlich im Abstand von mehreren Jahrzehnten aufgenommen. Für die Zukunft wird es eine große Herausforderung sein, das Mahnmal dauerhaft zu erhalten, um das Vergessen zu verhindern.

Zerstörte Fahrzeuge in Oradour sur Glane - Detail