Peugeot Oldtimer Club - www.vorkriegs-peugeot.de Eine Initiative von Michael Kreuz zur Pflege & Erhalt von Peugeot Oldtimern der Vorkriegszeit. Eine umfangreiche Sammlung von Informationen, Veranstaltungen & more!

Anmelden im Clubbereich

Wiederentdeckung eines seltenen Peugeot 402 Eclipse (Typ E4)

Aufgrund der über das Peugeot Vorkriegs Register bestehenden Kontakte hatte ich in den Jahren 2003/2004 gerüchteweise gehört, dass es einen seit Jahren stillgelegten Peugeot 402 Eclipse in Deutschland geben soll. Eine Verbindung zum Besitzer konnte ich allerdings nie knüpfen.

Anfang 2005 hörte ich dann näheres. Der Besitzer sollte ohne Erben verstorben sein und ein Notar hätte den Auftrag, das Erbe aufzulösen. Den Kontakt zu diesem Notar konnte ich dank der Vermittlung eines Insiders herstellen und musste mich dann mehr als zwei Jahre gedulden, bis vom Nachlassgericht die Zustimmung zum Verkauf vorlag.

Beim Peugeot 402 handelt es sich um einen automobilen Meilenstein, nämlich den weltweit ersten (ab 1935) in größerer Stückzahl gebauten Wagen in Cabrio/Coupe-Bauweise mit einem im Kofferraum verschwindenden Stahldach. Unser heutiges Straßenbild wird ja von Mengen dieser Cabrio/Coupes bevölkert. Egal wie sie heißen, ob Mercedes CLK, Renault Megane, VW Eos oder Peugeot CC – die Urväter sind die Peugeot der 30er Jahre mit „Eclipse-Karosserie".

Vorher (1928) gab es nur in den USA Versuche mit einem Dach, das ähnlich den zeittypischen Schiebedächern auf Schienen auf den Kofferraum auflief sowie den direkten Peugeot-Vorgänger 301/401/601, der 1934 nur in wenigen Exemplaren beim Karosserieschneider „Portout" gebaut wurde. Generell ist festzuhalten, dass insgesamt etwa 600 „Eclipse"-Karosserien (Serie 301, 401, 601 sowie 402) gebaut wurden. Genaues ist insbesondere zu den 01ern leider heute nicht mehr nachvollziehbar.

Speziell vom 402 wurden – ausweislich einem Artikel in „La Vie de Auto" Nr. 1109 vom 8.1.2004 – 473 Exemplare hergestellt. Die Fa. Peugeot nennt etwas höhere Produktionszahlen, die sich auf die einzelnen Modelle wie folgt verteilen:

Auf Basis 402 L (5,00 bzw. 5,25 Meter lang)

E4 - 2/3-Sitzer mit elektrisch betätigtem Dach - 80

E4Y - 4/5-Sitzer mit manuellem Dach - 324

E4T - 4/5-Sitzer mit manuellem Dach und elektromagnetischem Cotalgetriebe - 149

Auf Basis 402 BL (5,30 Meter lang)

E5T - 4/5-Sitzer mit manuellem Dach - 16

E5TC - 4/5-Sitzer mit manuellem Dach und Cotalgetriebe - 7

E5TM - 4/5-Sitzer mit elektrisch betätigtem Dach und Cotalg. - 4

Davon sind heute – je nach Quelle unterschiedlich dargestellt – weltweit noch maximal 35 Exemplare bekannt. Die mir vorliegende Liste des internationalen Eclipse-Register, das im Museum von LeMans geführt wird, nennt 33 Exemplare, wobei der hier dargestellte Wagen nicht mit enthalten ist. Insoweit muß also davon ausgegangen werden, dass es sich um einen wirklichen „Neufund" handelt. Die Liste weist aus, dass außer dem hier beschriebenen Fahrzeug lediglich noch 2 (zwei) Eclipse „E4" bekannt sind, die sich beide in Frankreich befinden.

Die Eclipse waren Fahrzeuge der vermögenden Avantgarde: einer der beiden noch in Frankreich befindlichen E4 wurde von Josephine Baker gefahren, bei einem der Viersitzer war Albert Camus Erstbesitzer und Marcel Pagnol, Schriftsteller und Regisseur, besaß das aus dem Film "Le Schpountz" bekannte 601-Eclipse-Unikat mit Pontonkarosserie.

Folgende Infos zum Fahrzeug liegen vor:

Peugeot 402 Eclipse – Karosserie „E4", Fahrgestellnummer 601524 / Karosserienummer 58

Es handelt sich eindeutig um ein Fahrzeug der ersten Serie mit geteilter Frontscheibe und ab Werk installierter elektrischer Dachmechanik. Nach Recherchen bzw. Auskunft des Internationalen Eclipse-Registers ist der Wagen im März 1936 hergestellt worden.

Die Fahrgestellnummer passt nach Auskunft des Archivs der Fa. Peugeot auch zu einem solchen Fahrzeug. Die Karosserienummer lautet „58", Karosseriebezeichnung „E4" – Coupe Cabriolet mit elektrischer Dachmechanik als 2/3-Sitzer. Das Fahrzeug ist also der 58. gebaute Peugeot 402 mit Eclipsekarosserie und somit wesentlich älter als die drei anderen in Deutschland befindlichen Exemplare, bei denen es sich sämtlich um den 4/5-Sitzer „E4Y" handelt (Karosserienummern 240, 260 und 266).

Die Auslieferung nach Nizza wurde laut vorliegender Info der Fa. Peugeot aber erst per 30.6.1937 durchgeführt. Zu dieser Zeit wurde die Karosserieform „E 4" der ersten Serie definitiv nicht mehr gebaut.

Nachdem die „Eclipse"-Varianten dem obersten Preissegment zuzuordnen sind, wurden die Fahrzeuge nur bei vorliegender Bestellung gefertigt. Der Preis lag 1936 bei 34.000 FF; das entsprach bei einem Wechselkurz 1 RM = 3 FF in etwa 11.500 RM. Bei Hochrechnung auf Basis des Index gewerbliche Arbeitsmaschinen des statistischen Bundesamtes ergibt sich ein auf heutige Währung umgerechneter Neuwert (2007) zwischen 140.000 und 150 000 €.

Es ist unwahrscheinlich, dass ein solches Fahrzeug über 1 ½ Jahre „auf Halde" stand. Das legt die Vermutung nahe, dass – unabhängig davon, ob eine Bestellung geplatzt ist oder Peugeot ihn gleich für Werbezwecke gebaut hat - der Wagen von Peugeot in den Jahren 1936 und 1937 genutzt worden ist. Die wahrscheinlichste Einsatzmöglichkeit war die Ausstellung auf diversen Fahrzeugmessen. Insoweit ist zu unterstellen, dass es sich um einen der Wagen, die beim Genfer Salon und bei der Pariser Autoschau etc. gezeigt wurden, handelt.

Nach der Auslieferung verliert sich die Spur des Wagens zunächst. Die Kriegsjahre wird er wegen des Standortes Nizza, der im unbesetzten Teil Frankreichs liegt, ohne Requirierung zum Militär unbeschadet überstanden haben. Während oder kurz nach dem Krieg ist er wohl in die Schweiz gelangt, wo mehrere Eclipse zugelassen waren.

Für 1956 ist belegt (Foto in Auto Motor Sport 1/1957), dass ein „E4Y" in sehr gutem Zustand in Zürich zugelassen war. Darauf ist zu erkennen, dass das Dach in anderer Farbe als der Rest der Karosserie lackiert war.

Anfang der sechziger Jahre taucht mein „E4" in der Schweiz mit der veränderten Front – wohl angelehnt an die Le Mans-Rennwagen der 402 Serie mit „Darl'Mat-Roadster-Karosserie" bzw. zeitgenössische Delahaye und Delage - wieder auf. Wann, warum und von wem der Umbau, der handwerklich sehr professionell gemacht ist, vorgenommen wurde, konnte bis heute nicht geklärt werden. Sicher ist, dass kein unfallbedingter Frontschaden Grund des Umbaus war. Aufgrund stilistischer Ähnlichkeiten und des Standortes in der Schweiz kann er aber eventuell von der Fa. Graber oder bei Carosseriebau Worblaufen ausgeführt worden sein.

Im Jahr 1964 wird der Wagen von Herrn J. Neubert und Herrn H. Grieger aus Kornwestheim in der Schweiz erworben und nach Deutschland gebracht. Letzter bekannter Schweizer Besitzer war die Fa. Autoverwertung E. Joller aus Neuenkirch/Kanton Luzern. Die Zoll- und Einfuhrpapiere dazu liegen im Original vor (Zollnummer F IV/64 Nr. 1281, Datum 30.12.1964).

Was in den Folgejahren mit dem Fahrzeug geschehen ist, konnte noch nicht zweifelsfrei geklärt werden. Die beiden begannen wohl einen aufwändige Restauration, die aus letztendlich ungeklärten Gründen Mitte der 70er Jahre abgebrochen wurde. Sicher ist, dass der Wagen nie im Deutschland zugelassen wurde. Herr Neubert und Herr Grieger haben zunächst wohl jede freie Minute in die Restauration des Autos gesteckt - mir liegen Normal-8-Filme aus dem Jahr 1975 vor, die ihn praktisch im heutigen Zustand  auf der Straße fahrend und mit funktionstüchtiger Dachmechanik zeigen.

Nach Informationen aus der Familie haben sich die Freunde Neubert und Grieger dann irgendwann so zerstritten, daß sie sich gerichtlich über den Besitz des Eclipse auseinandersetzten.

Es steht fest, dass der Wagen im Jahr 1976 bereits Hans Grieger allein gehörte. Das ist u.a. durch ein Schreiben von Herrn Grieger an die Fa. Peugeot in Paris vom 19.5.1976, in dem er technische Fragen, die auf einen erst kurz davor erfolgten Kauf und eine Restaurationsabsicht schließen lassen, gestellt hat, nachgewiesen. Ob dieses Schreiben jemals beantwortet wurde, ist nicht bekannt.

Jedenfalls gab Herr Grieger Restaurationsarbeiten auf, da er langjährig in den USA lebte. Letztmalig aus eigener Kraft wurde der Wagen laut Auskunft eines Freundes von Herrn Grieger, der dabei war, ca. 1980 auf Achse in die Garage in Heuchligen gefahren, wo alle vorhandenen, weitgehend demontierten Teile hineingepackt wurden. Im Anschluß fiel er in einen Dornröschenschlaf und wurde praktisch vergessen.

Erst durch den Tod von Herrn Grieger im Jahr 2005 wurde die Existenz des Wagens einem sehr kleinen Kreis von Eingeweihten wieder bekannt und im Mai 2007 konnte er als „Zustand 5 Restaurierungsobjekt" und nicht fahrfähig von mir erworben werden.

Nachdem vorher jahrelang kein Eclipse auf den Markt kam, wurden in den Jahren 2006/2007 drei Eclipse der Baureihe 402 (jeweils allerdings 4/5-Sitzer E4Y) verkauft. Bei einem handelte es sich um ein unrestauriertes, sehr gut erhaltenes Exemplar aus Ersthand-Familienbesitz (siehe auch „Motorklassik 3/07), beim anderen um ein seit Jahren in Hollywood stehendes voll restauriertes Exemplar, das versteigert wurde. Der dritte Wagen kam aus Clermond-Ferrand in restaurierungsbedürftigem Zustand zu einem Peugeothändler in Südbaden.

Vielleicht schlummern in privaten Archiven noch Infos aus der Zeit kurz nach dem Import in die Schweiz. Ich würde mich sehr freuen, wenn ich aus den Reihen der Leser weitere Infos zum Auto bekommen könnte – egal ob Fotos, Infos zum Verbleib zwischen 1936 und 1964, zum Zustand zwischen 1964 und 1989 oder – mir ganz besonders wichtig – zum Umbau der Front.

Bitte setzen Sie sich mit mir in Verbindung, wenn sie irgendetwas zur Geschichte des Wagens beitragen können. Die eventuell entstehenden Kosten übernehme ich natürlich.

Michael Kreuz

 

Nachtrag April 2013:

Ein erster Schritt zur Klärung der Geschichte des Wagens ist getan - mit 99 % iger Wahrscheinlichkeit ist die Herkunft der abgeänderten Schnauze dank der Hilfe eines ungenannt bleiben wollenden französischen Sammlers und 402 - Spezialisten geklärt:

Wie oben bereits ausgeführt, wurde der Wagen 1937 nach Nizza verkauft. Dort war bis 1963 die Firma Carosserie Brandone (hier der Link zum Eintrag bei "Coachbuild.com") ansässig. Vor dem Krieg war Brandone als einer von vielen Karosserieschneidern, die rollende Chassis nach Kundenwunsch eingekleidet haben, tätig. Nachdem aufgrund der exorbitant hohen Luxussteuer, die ab 1945 auf große Automobile erhoben wurde, der Markt wegbrach und Hersteller sowie Karosseriebauer reihenweise Konkurs anmelden mußten, verlegte sich die Fa. Brandone darauf, Vorkriegsfahrzeuge optisch zu "modernisieren" und dem sich ändernden Zeitgeschmack anzupassen. Das erfolgte mit relativ geringem Aufwand, indem nur die Fahrzeugfront geändert wurde - frei stehende Scheinwerfer wurden in die Kotflügel integriert, zeittypische Kühlergrills montiert und ähnliches. Und genau das ist mit dem o.g. 402 Eclipse auch passiert:

 

 

 

 

 

 

 

Links ein von Brandone "modernisiertes" 402 Cabriolet, rechts der Eclipse. Der Kühlergrill, der bis heute keinem anderen Fahrzeug zugeordnet werden konnte, ist identisch, was die Herkunft von Brandone praktisch beweist.

Stellt sich noch die Frage, ob der Wagen zur fraglichen Zeit - die Umbauten wurden in den Jahres 1946 - 1949 durchgeführt - "in der Gegend" war. Ganz sicher ist das heute nicht mehr feststellbar, als Indiz dafür jedoch die folgende Ansichtskarte von Ende der 1940er Jahre, die einen 2-Sitzer Eclipse E4 zeigt, dessen Zulassung (alte Departementkennung) scheinbar auf Nizza bzw. die Cote Azur hinweist. Eventuell zeigt die Karte tatsächlich den beschriebenen Wagen:
 

Vorerst abschliessend kann man zusammenfassen:

Dieses 2 sitzige 402 CabrioCoupe Metallique E4 - einer von drei heute noch bekannten 402 mit der Karosserieform - wurde 1936 nicht bei Peugeot, sondern noch direkt bei der Fa. Portout in Paris gebaut und im Zeitraum 1946 - 1949 von Carosserie Brandone in Nizza "optisch aktualisiert".

Nachtrag Februar 2017

Sensationelle Neuigkeiten erreichten mich kurz vor Beginn der RetroClassic 2017 von einem unserer Register-Mitglieder aus der Schweiz: 

"Sehr geehrter Herr Kreuz,

ich habe interessante Neuigkeiten zu Ihrem Eclipse: Ich war gestern im Bundesarchiv und habe Ihren Wagen gefunden.

Der Wagen mit der Chassis Nummer 601524 war zwischen 1951 und 1960 mit der Nummer LU 5851 unterwegs und zugelassen auf einen Herrn August Füchslin, Patissier, Jahrgang 1903, Bruchstrasse 54, Luzern. Karosserieform wird mit Limousine und 2-3 Plätzen bezeichnet.

Man könnte die Forschungen jetzt weiterführen. Der Wagen muss ja irgendwann nach dem Krieg privat in die Schweiz importiert worden sein. Da findet man vielleicht noch Verzollungsdokumente im Archiv. Aber das ist eine aufwendige Suche. Ich versuche mal herauszufinden, ob ich Verwandte des Besitzers ausfindig machen kann. Vielleicht gibt es ja noch Fotos aus der Zeit in Luzern".

Vielen Dank von mir für diese wichtigen Informationen. Mal sehen, wie die Geschichte weitergeht...

Michael Kreuz