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“Les Charlatans Peugeot” - Grand-Prix-Rennsport vor dem ersten Weltkrieg

Les Charlatans Peugeot”- Boillot, Goux , Zuccarelli, Henry - das Peugeot-Rennsportteam unter Robert Peugeot dominierte von 1909 – 1914 auf fast allen Strecken der Welt und feierte große Erfolge

Anfang des 20. Jahrhunderts dominierte die Fa. Peugeot die Rennsportszene weitgehend; insbesondere bei den beliebten Voiturette-Rennveranstaltungen war Peugeot kaum zu schlagen. Das lag auch an einer Reihe von genialen Ingenieuren und Fahrern, die fantastisch harmonierten und von der Firmenleitung weitgehend freie Hand bekamen – die „Charlatans Peugeot“.


Zu Beginn des Jahres 1912 war das von Georges Boillot geführte Team in der Lage, Robert Peugeot davon zu überzeugen, ihm die Konstruktion eines komplett neuen Rennwagens anzuvertrauen. Boillot holte den Schweizer Ingenieur Ernest Henry nach Sochaux, um das Projekt, das absolut geheim gehalten wurde, zu realisieren. Das neue Team mit dem Spitznamen „Les Charlatans Peugeot“ hatte die Aufgabe, einen völlig neuen, modernen Rennwagen zu entwickeln.

Ernest Henry, damals 27 Jahre alt, entwickelte im Verborgenen mit einem geringen Budget einen revolutionären Motor mit zwei oben liegenden Nockenwellen, 4 Ventilen je Zylinder und halbkugelförmigen Brennräumen mit 7,6 Liter Hubraum, der in ein leichtes Chassis gesetzt wurde. Nachdem auch die Fahrwerkstechnik stark überarbeitet wurde und hier die Erfahrungen der drei Fahrer einfliessen konnten, entstand ein neuer Peugeotrennwagen, der leicht 190 KM/H erreichen konnte.

Der Peugeot L 76 hatte 7.600 ccm Hubraum und war das erste Automobil der Welt, das einen Motor mit zwei obenliegenden Nockenwellen und vier Ventilen pro Zylinder hatte. Die Wagen des Typ L 76 bzw. L 3 (L für Lion = Löwe) starteten in der „freien Klasse“ beim Grand Prix. Sie stellen die Sieger Grand Prix des Automobil Club France in Dieppe, des Bergrennens auf den Mont Ventoux mit neuem Streckenrekord, des Coupe de l'Auto, des Circuit des Ardennes, des Treffens von Boulogne, des Coupe de la Sarthe - die Ideen des Teams und die Qualität der Arbeit von Ernest Henry waren nicht zu schlagen.

Im Jahr 1913 gab es Weiter-entwicklungen des Motors mit auf 5,6 bzw. 3,l Liter Hubraum und Umstellung auf Trocken-sumpfschmie- rung. Im gleichen Jahr gewinnt Goux aud dem L 76 als erster Europäer die 500 Meilen von Indianapolis mit einem Durchschnitt von 122,155 km/h und stellt einen neuen Geschwindig-keitsrekord mit 170,94 km/h auf dem Brooklandsring auf. Der neue L 56 belegt Platz 1 und 2 beim französischen Grand Prix und gewinnt u.a.  das Bergrennen am Mont Ventoux bei Avignon.

 

1914 starten Arthur Duray mit einem Peugeot mit reduziertem Hubraum von 3,1 l und Jules Goux mit dem L 56 bei den 500 Meilen von Indianapolis. Aufgrund von Reifenproblemen klappt es mit dem Sieg nicht, sie belegen aber die Plätze 2 und 4. Am 4 Juli – einen Monat vor Ausbruch des ersten Weltkriegs – führt Georges Boillot mit dem L 56 bis zur Endrunde beim französischen Grand Prix und muß sich erst aufgrund eines Reifendefekts Lautenschlager auf Mercedes geschlagen geben.

Im Jahr 1915 holte Dario Resta auf einem L 56 mit 4,5-Liter-Motor den zweiten Indianapolis-Sieg für Peugeot mit einem Durchschnitt von 133,994 km/h.

Nach dem Krieg gewinnt Peugeot die 500 Meilen 1919 zum dritten Mal, als Howard Wilcox und Jules Goux den 1. und 3. Platz belegen. Außerdem gewinnt ein L 25 die Targa Florio. Nachdem Ernest Henry Peugeot im Dezember 1921 verliess, war das das vorläufige Ende der motorsportlichen Erfolge.

 

 


Georges Louis Frederic Boillot (3. August 1884 - 19. Mai 1916) - französischer Grand-Prix-Pilot und Jagdflieger im Ersten Weltkrieg.

Georges Boillot wurde in Valentigney in unmittelbarer Nähe zum Werk der Fa. Peugeot geboren. Er machte eine Mechaniker-Ausbildung und begann 24-jährig im Jahr 1908 mit dem Automobil-Rennsport. Er debütierte für Peugeot im Jahr 1909 beim „Coupe de l'Auto“ in Rambouillet und nahm im Jahr 1910 an der Targa Florio teil. Am 26. Juni, 1912 gewann Georges Boillot in Dieppe den französischen Grand Prix auf seinem Peugeot L76. 1913 gewann er den Coupe de l'Auto und wurde der Liebling der französischen Rennsport-Fans, als er – als erster Fahrer überhaupt - den französischen Grand Prix im Folgejahr in Amiens zum zweiten Mal gewinnen konnte. Im selben Jahr gelang es seinem Peugeot-Teamkollegen Jules Goux als erstem Europäer, die 500 Meilen von Indianapolis zu gewinnen.

1914 trat Frankreich mit einer Reihe von Wettbewerbern am Indiana Speedway an. Am 27. Mai während der Qualifikation kam Boillot verlockend nah an die noch zu brechende 100-Meilen-Marke (161 km/h) heran, als er einen neuen Geschwindigkeitsrekord von 99,86 Stundenmeilen (160.70 km/h) aufstellte. Viel schneller als jeder andere Fahrer hätte Boillot wahrscheinlich das Rennen mit Leichtigkeit gewonnen, wenn es nicht zu wiederholten Reifenproblemen gekommen wäre. Er landete letztendlich auf dem 14. Platz, während seine französischen Kollegen das Rennen auf den ersten vier Plätzen beendeten.

In seinem letzten Rennen, dem französischen Grand Prix 1914 in Lyon sein, war sein Peugeot buchstäblich dabei, auseinanderzufallen. Trotzdem demonstrierte er seine enormen fahrerischen Fähigkeiten, indem mit dem Auto den Anschluß an die Spitze hielt, bis in der letzten Runde der Motor endgültig überhitzte und er gezwungen war, aufzugeben.

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges trat Georges Boillot in die neue französische Luftwaffe ein, hatte aber zunächst die Aufgabe, als Ausnahmefahrer den Maréchal de France Generalissimus Joseph Joffre schnellstmöglich zu chauffieren, um dem General die persönliche Kontrolle der Truppen möglich zu machen. Frustriert von seinen Aufgaben hinter der Frontlinie verlangte er seine Versetzung in eine Kampfeinheit. So wurde er zu einer Jagdfliegerstaffel versetzt. Während seiner Zeit als Pilot wurden ihm das Croix de Guerre sowie die Mitgliedschaft in der Ehrenlegion verliehen. Am 19. April 1916 wurde sein Flugzeug in einen Luftkampf mit fünf deutschen Fokker verwickelt, von denen er eine abschoss, bevor er selbst abgeschossen wurde. Er stürzt in der Nähe von Bar-le-Duc ab und starb kurz danach in einem Lazarett bei Vadelaincourt.

Jules Goux (6.4.1885 – 6.3.1965) - französischer Autopionier und Rennfahrer

Auch Jules Goux wurde in der Nähe des Peugeotwerks in  Valentigny geboren. Inspiriert durch die mediale Berichterstattung über den Gordon-Bennet-Cup kam der junge Goux zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum Motorsport. Er begann mit Cyclecar ( Voiturette) -Rennen und feierte seinen ersten großen Sieg 1908, als er in Sitges den Katalonien-Cup gewinnen konnte. Dieser Erfolg brachte ihm einen Werksvertrag bei Peugeot ein, wo er Teamkollege von Georges Boillot wurde.

1912 gewann er den Sarthe-Cup auf einem Straßenkurs rund um Le Mans. Auf annähernd dieser Streckenführung wurde 11 Jahre später das erste 24-Stunden-Rennen von Le Mans ausgefahren. 1913 feierte er seinen  größten internationalen Erfolg, als er nicht nur als erster Franzose, sondern überhaupt als erster Europäer das 500-Meile-Rennen von Indianapolis für Peugeot gewinnen konnte. 1914 ging er als großer Favorit ins Rennen, musste sich nach technischen Problemen aber mit dem vierten Gesamtrang begnügen.

Der erste Weltkrieg unterbrach die Rennaktivitäten und Goux diente wie die meisten seiner Teamkollegen in der französischen Armee. Nach dem Krieg wurde er Werksfahrer bei Ballot, erreichte 1921 den dritten Rang beim Großen Preis von Frankreich und siegte im selben Jahr beim ersten Grand Prix von Italien. Seine letzten großen Erfolge feierte er 1926 für Bugatti, als er die Großen Preise von Frankreich und Europa gewinnen konnte.

Als einer der ganz wenigen Fahrer seiner Generation überlebte Goux den Rennsport und starb nicht wie fast alle seiner Rennfahrerkollegen auf der Straße. 1965, im Alter von 79 Jahren, verstarb er in seiner Geburtsstadt Valentigney an einer Allergie.

Paul (Paolo) Zuccarelli (24. 8.1886 – 19.6.1913) - italienischer Rennfahrer, der seine großen Erfolge im Team von Peugeot errang

Paul Zuccarelli wurde in Mailand geboren und studierte an der Schule für Kunst und Handwerk von Brescia, wo er seinen Abschluß als Diplom-Ingenieur machte. Nach einer kurzen Zeit bei einem italienischen Automobilhersteller wechselte er 1909 zu Hispano-Suiza.

Seine Rennsportlaufbahn begann er im Mai 1909 in der Kategorie Voiturette. Unter den Augen des Hispano-Suiza-Gründers Marc Birkigt zeigte Zuccarelli seine Fahrkünste. Auf der von ihm vorbereiteten Voiturette lag er lange Zeit vor dem Favoriten Jules Goux auf Peugeot an erster Stelle, bevor er wegen eines technischen Problems aufgeben mußte. Beim nächsten Rennen, dem Coupe des Voiturettes in Boulogne, erreichte er den sechsten Platz.

 Beim Cup of Catalonia des Jahres 1910 kam Zuccarelli mit der Hispano-Voiturette hinter den Peugeot's, die zu dieser Zeit nicht zu schlagen waren, als Dritter in Ziel. Im September gewann er den Cup von Ostende vor Georges Boillot und die Coupe des Voiturettes vor Jules Goux, die jeweils auf Peugeot angetreten waren.Ende 1910 zog sich der Hispano-Suiza aus dem Motorsport zurück. 1911 wurde Zuccarelli von Peugeot angeheuert, um Giuppone Joshua, der bei einem Unfall beim Coupe des Voiturettes starb, zu ersetzen. Der Mailänder arbeitete nun eng mit der seinem ehemaligen Gegnern Boillot, Goux und René Thomas zusammen.

Zuccarelli debütierte in seinem neuen Team mit einem Unfall bei der Coupe des Voiturettes, beim zweiten Rennen für Peugeot belegte er beim Cup von Ostende hinter Goux den zweiten Platz.

Beim Französisch Grand Prix 1912 in Dieppe traten die Peugeot-Fahrer auf dem L 76 an; die Wagen hielten, was das Team versprochen hatte: Der Sieg ging an Georges Boillot. Zuccarelli fiel hier noch mit Zündungsproblemen aus, beim Coupe de la Sarthe kam er hinter Jules Goux - aber vor Boillot, der die schnellste Rennrunde markiert hatte - auf den zweiten Platz. Im folgenden Jahr starteten Zuccarelli und Goux bei den 500 Meilen von Indianapolis mit zwei L76 mit auf 7,3 Liter reduziertem Hubraum. Zuccarelli fuhr die schnellste Runde, fiel dann aber aus, nachdem sein Wagen wegen eines technischen Defekts Feuer gefangen hatte. Der Sieg in Indianapolis ging an Goux.

Am 19. Juni 1913 testete Zuccarelli mit Blick auf den Grand  Prix von Frankreich einen Peugeot EX3 auf einer für den öffentlichen Verkehr geöffnet Strasse. Während er bei voller Geschwindigkeit in einer langen Geraden fuhr, nahm ihm ein Fuhrwerk, das aus einem Feldweg kam, die Vorfahrt. Der Aufprall war unvermeidlich und ließ dem italienischen Fahrer keine Chance - Paul Zuccarelli starb noch am Unfallort.

Ernest Henry (1885 – 1950) – schweizerischer Mechaniker und Ingenieur. Er verband seinen Namen mit den berühmten Rennmotoren, die er vor allem für Peugeot und Ballot entwarf. Von 1912 bis 1921 dominierten seine Konstruktionen die meisten der großen Autorennen. Es waren die Vorläufer der modernen Formel-Rennmotoren.

 Nach dem Studium der angewandten Mechanik an Technicumin Genf arbeitet Ernest Henry im Jahre 1906 bei der Fa. Picker Schiffsmotoren in Genf. 1909 geht er nach Paris und arbeitet im Bereich Marine und Luftfahrt. 1911 holt ihn Robert Peugeot auf Veran-lassung von Boillot ins „Scharlatane – Team“.

Die Motoren des Ernest Henry können unbestrittenen als Meilenstein in der Geschichte des Automobils gelten. Sie sind nicht die ersten "4 Ventile pro Zylinder" oder dies ersten "zwei oben liegenden Nockenwellen", aber sie sind die ersten in der Welt, die beiden Techniken kombinieren. Der 7,6 Liter-Motor hat darüber hinaus eine desmodromische Ventilsteuerung und eine Kurbelwelle, die durch Kugellager unterstützt wird.Nachdem er Ende 1921 von Peugeot nach einem Angebot von Louis Coatalen zu Sunbeam-Talbot-Darracq wechselte, blieb er kurze Zeit in England. Aufgrund der Reduzierung des beim GP zugelassenen Hubraums auf 2 Liter ab 1922 funktionierte das Motorenkonzept nicht mehr. Er ging zum Autohersteller Omega, verließ diese Firma aber wohl ebenfalls im Jahre 1925.

Danach hört man nichts mehr von ihm, was wohl vor allem an seinem eigenbrödlerischen Naturell lag. Er arbeitet als angestellter Ingenieur bei verschiedenen Firmen, und es scheint, dass er nach 1925 nichts mehr mit Automobilen zu tun hatte. Als er 1950 im Alter von 65 Jahren starb, arbeitete er in einem Ingenieurbüro in Levallois bei Paris.