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Versteigerung der Sammlung „Baillon“ auf der Retromobile am 6.2.2015.

Im Vorfeld hatten wir ja unter "Aktuelles" auf die Acturial-Versteigerung im Rahmen der RetroMobile am 6.2.2015 hingewiesen. Einer unserer Gönner war vor Ort und hat uns den folgenden Augenzeugenbericht zur Verfügung incl. der meisten Fotos zur Verfügung gestellt. Hier nun der  

Bericht von Norbert Bargelé, Stockelsdorf

In diesem Jahr habe ich nach langer Zeit mal wieder die Retromobile in Paris besucht. Paris zeigte sich an den vier Tagen von seiner besten Seite, zwar kalt, dafür mit strahlend blauem Himmel.

Diese Messe ist immer wieder etwas Besonderes. Wie auf keiner anderen Ausstellung in Europa sind dort die herausragenden Kreationen des französischen Automobilbaus der Vorkriegszeit zu sehen, hervorgebracht durch große Marken wie Bugatti, Delage, Delahaye, Peugeot, Panhard, Talbot, u.a.. Oft sind diese Fahrzeug mit beeindruckenden Sonderkarosserien der großen Karosseriefirmen wie „Chapron“, „Guilloré“ oder „Saoutchik“ versehen.

 

 

Peugeot 401 Roadster

"Mystinguette"

 

 

 

 





 

 

Bugatti Royal

 

 

 

 


 

 

Delahaye

 

 

 

 

 

 

 

 

Talbot

 

 

 

 

 

 


 

 

 

Delage

 

 

 

 

 

 

Mein eigentliches Ziel war es, an der „vente aux enchère de la collection Baillon“ teilzunehmen. Das war nicht einfach. Am Ende hat es aber mit ein wenig Glück geklappt.

Kein Zweifel: Dem Auktionshaus „Artcurial“ ist es gelungen, mit einer herausragenden PR-Aktion nahezu die gesamte Welt auf diesen „Scheunenfund“ aufmerksam zu machen. Jeder, der Zeitung liest, hat die nebenstehenden Bilder gesehen und die Story dazu gelesen:

„Jaques Baillon, und sein Sohn Roger Baillon hatten eine Vision: diese vorwiegend französischen Auto vor dem Schrottplatz zu retten und ein Museum zu eröffnen. Beide bringen es auf eine stattliche Sammlung von ca. 200 Fahrzeugen. Beide haben eine Speditionsfirma und gehen zweimal Pleite. Um Steuerschulden zu begleichen, wird 1979 und 1985 der Großteil der Fahrzeuge zwangsversteigert. 59 Fahrzeuge können, wie auch immer, gerettet werden. Sie werden so gut versteckt, dass selbst die Söhne von Roger B. davon nichts gewusst haben sollen. Nach dem Tod von Roger B. im Herbst 2013 werden diese 59 Fahrzeuge von den beiden Söhnen und Erben gefunden. Die Söhne teile die Leidenschaft von Opa und Vater Baillon nicht und beauftragen das Haus „Artcurial“, die Sammlung zu versteigern.“

Entsprechend groß war der Andrang. Bereits um 10 Uhr bei der Eröffnung der Messe bildete sich eine riesige Schlange vor der Halle Nr. 21. Dort sollte die Auktion stattfinden. Gegen 11 Uhr wurden nur noch so viele Personen hinein gelassen, wie Personen wieder heraus kamen. Nur es kam niemand mehr heraus. Alle sicherten sich einen Platz, um bei der um 14 Uhr stattfindenden Auktion dabei zu sein. Ich war vermutlich einer der letzten, die noch reinkamen.

Und dann zumindest für mich die Überraschung: Alle 59 Fahrzeuge waren ausgestellt und zwar in einer völlig dunklen Halle. Nur die Fahrzeuge waren schwach von unten und von innen beleuchtet. Und alle Fahrzeuge standen dort so, wie man sie gefunden hatte. Der Staub der Jahre, der Taubenkot, die Brombeersträucher und das Wespennest im Kofferraum waren mit ausgestellt.

 

 

Facel Vega Excellence, 1960, Estimate 60 - 80 T€

 

 

 

 

 

 

Delage D 6 - 11 S
Coach, 1934,
Estimate 10 - 15 T€

 

 

 

 

 

 

 

Es war ein wenig gespenstig. Die Atmosphäre in der Halle habe ich empfunden als Mischung aus Kuhstall und Krematorium. Zudem war es schwer, in der Dunkelheit nicht ständig mit den anderen Besuchern zusammen zu stoßen.

 

Delahaye 235
Coach "Chapron", 
Estimate 35 - 45 T€

 

 

 

 

 

 

 

Ausgestellt waren vorwiegend Fahrzeuge der bereits zitierten großen        französischen Marken, zum Teil als einfache Limousine, zum Teil als Coupé oder Coach oder aber auch als Cabriolets.

 

Panhard Levassor
Dynamic X76 Coupe, 1936,
Estimate 25 - 35 T€

 

 

 

 

 

 

 

Talbot Lago Baby
T15 LB "Guillore,

Estimate 25 - 35 T€

 

 

 

 

 

 

 

Darunter waren auch seltene und wertvolle Luxus-Cabriolets oder -Coaches, oft karossiert von den oben genannten französischen Karosseriefirmen. Einige hatten eine besondere Historie. Einige waren sogar im Original die Fahrzeuge, die auf Automobilsalons der Epoche neu ausgestellt waren.

Eines dieser besonderen Fahrzeuge war dieser Delahaye 135 M, karossiert von Faget-Varnet 1948. Das Fahrzeug hat einen 6 Zylinder Motor, 3,5 l Hubraum und drei Vergaser. Das Besondere: Das Auto hat einen Rohrrahmen statt der üblichen Holzstruktur und ist damit deutlich leichter, als vergleichbare Fahrzeuge der Zeit. Nur 6 Fahrzeuge wurden gebaut. Zwei sind bekannt und befinden sich bei einem Sammler in den USA. Dieses ist jetzt als Drittes hinzugekommen. Dieses Fahrzeug mit der Fg.-Nr. 800745 stand original auf dem Pariser Autosalon 1948. Das Fahrzeug ist zwar heruntergekommen, aber nahezu komplett. Der Schätzpreis lag zwischen 100.000 und 150.000 €. Erzielt wurden am Ende 360.000 €.


Etwas Besonderes war auch dieser Talbot Lago T26 Record, karossiert von Saoutchik 1948, Schätzpreis: 120.000 – 150.000 €, Verkaufspreis: 625.000 €, in desolatem Zustand, allerdings mit herausragender Historie. Das Fahrzeug wurde 208-mal gebaut meist mit Standard-Werks-Karosserien. Nur wenige wurden fremd karossiert, wie dieses durch Saoutchik. Das Fahrzeug kostete seinerzeit 4 Mio. Franc. Das entsprach etwa dem 10 fachen eines neuen Citroen 11 CV. Ausgeliefert wurde dieses Fahrzeug nach Ägypten an ein Mitglied der Königsfamilie „Farouk“. Kurz vor der Ägyptischen Revolution im Jahr 1952 wurde es nach Frankreich gerettet und zurück an Saoutchik verkauft. Der verkaufte es dann 1953 – mit gerichtlicher Auseinandersetzung - für 650.000 Franc, also zu etwa 16 % des Neupreises, an Baillon. Das Fahrzeug war da erst 5 Jahre alt.

Und noch ein Talbot Lago T26 Grand Sport SWB karossiert ebenfalls durch Saoutchik, Schätzpreis: 400.000 - 600.000 €, Verkaufspreis: 1.450.000 €. Es wurde 6-mal in zwei verschiedenen Dachausführungen gebaut. Dieses Fahrzeug wurde nach Bau zunächst nicht verkauft und wandert auf viele Ausstellungen. Zuletzt wurde es 1951 auf der London Show gesehen. Danach verliert sich die Spur. Es gerät offenbar in einen schweren Unfall. Das Dach ist eingedrückt, das Heck gestaucht. Die ganze linke Seite fehlt. Baillon hat es wohl um 1980 gekauft, mehr weiß man nicht. Das Auto galt lange als verschollen.

Und ausgestellt waren natürlich die beiden Highlights der Auktion - diesmal nicht Franzosen, sondern Italiener – und zwar zunächst der Maserati A6G 2000 Gran Sport Berlinetta, karossiert durch Frua, Schätzpreis: 800.000 – 1.200.000 € Verkaufspreis : 1.720.000 €. Der Maserati ist einer der ersten Straßen-Maseratis überhaupt. Bis dahin hat Maserati nur Rennwagen gebaut. Er hat einen 6 Zylinder Motor mit nur 2 l Hubraum. Er wurde 1956 nach Frankreich ausgeliefert und schon angemeldet auf dem Pariser Salon 1956 ausgestellt. Zwischen 1956 und 59 wurde - warum auch immer - die „Schnauze“ modifiziert. 1959, also 3 Jahre alt, kaufte ihn Roger Baillon. Später wurde er auf Jaques Baillon umgemeldet und vermutlich bis mindestens 2000 gefahren, dann wegen eines Kupplungsschadens (trocken in einer Garage) abgestellt. Der Getriebetunnel ist noch ausgebaut.

Und da ist der Ferrari 250 GT SWB California Spider 1961 Schätzpreis: 9.500.000 – 12.000.000 €, Verkaufspreis: 14.200.000 €. Er ist einer von 37 gebauten Fahrzeugen diesen Typs, Motor: V12, 3 l. Das Auto war ausgestellt auf dem Salon 1961 und wurde ausgeliefert an Gérard Blain, einem weniger bekannten Schauspieler. Der verkaufte es an Alain Delon, der es als Zweitbesitzer zwei Jahre gefahren hat. Baillon hat das Auto 1971 gekauft, also auch erst 10 Jahre alt. Das Auto wurde glücklicherweise anders als die anderen trocken aufbewahrt. Lediglich die Kofferraumhaube ist durch die Last der darauf gestapelten Zeitungen eingedrückt. Dieses Auto darf nach Expertenmeinung niemals restauriert, sondern nur instandgesetzt werden.

Die Auktion selbst fand in einem anderen Hallenteil statt. Der war durch schwarze Vorhänge von der Ausstellungshalle getrennt. Um 13 Uhr kam dann die Ernüchterung: Beide Hallen und wurden geräumt. Auch die Personen, die bereits auf den Stühlen der Auktionshalle Platz genommen hatten, wurden des Platzes verwiesen. Einige folgten der Aufforderung, andere blieben nach französischer Streik-Mentalität einfach sitzen. Ich habe einen Kompromiss gewählt und mir schnell noch einen Katalog gekauft und mich als Bieter registrieren lassen. So durfte ich legal bleiben. Kurz vor 14 Uhr füllte sich die Halle wieder mit „legalen“ und „halblegalen“ Besuchern. Um 14 Uhr war die Halle war zum Bersten voll. Alle Stühle waren besetzt und um die Stühle herum standen die Leute in dreier und vierer Reihen in den Außengängen. Man sprach von 3000 Menschen, darunter 1500 „Bietern“.

Die Auktion wurde illustriert durch zwei große Bildschirme. Auf dem linken wurde das jeweilige Fahrzeug mit den kontinuierlich steigenden und aktuellen Preisen in Euro, US-Dollar, Britischen Pfund, Schweizer Franken, Rubeln, Chinesischen Renmimbi und Hongkong Dollar angezeigt. Auf dem rechten Bildschirm waren Detail-Bilder des jeweiligen Fahrzeugs zu sehen. Über den ganzen Saal verteilt überwachten „Schreier“ die Angebote. Alle sprachen in dasselbe Mikrofon-Netz. Gesprochen wurde in Französisch und Englisch. Ein Riesen Spektakel! Aber super gemacht!

Als die ersten Fahrzeuge versteigert wurden, ging ein Raunen und Kopfschütteln durch den Saal. Zum Teil wurde der 10 fache Schätzpreis erreicht. Während der Auktion und im Anschluss daran wurde heftig spekuliert, wieso solch absurden Preise erzielt werden konnten. Ich will mich an dieser Spekulation nicht beteiligen. Ein Versteigerungsergebnis von 44.000 € entsprechend dem 20-Fachen des Schätzwertes (der lag bei 1.500 bis 2000 €) für diesen Voisin C 3 von 1923 ohne vollständige Karosserie ist jedenfalls zumindest für mich nicht nachvollziehbar.

Die meisten Bieter waren in der Halle anwesend. Ich schätze deren Anteil am Bieterpool auf 80 %. Etwa 20 % waren Telefonbieter, vertreten durch ein paar junge Damen auf einer Tribüne. Auch der Käufer des Ferraris war im Saal anwesend. Er musste im Stehen bieten. Ob es der wahre Käufer war oder nur ein Beauftragter entzieht sich meiner Kenntnis.

Die Details über die Fahrzeuge können auf der WEB-Seite des Auktionators (siehe hier) eingesehen werden. Dort erscheinen unter „LOT 1 – 59“ alle Fahrzeuge mit Schätzpreis und tatsächlich erzieltem Erlös. Durch Klicken auf das jeweilige Fahrzeug sind weitere Bilder und die Geschichte des Fahrzeugs einsehbar. Alle dort genannten Preise verstehen sich incl. 16 % Aufpreis (14 % bei über 1 Mio.) für den Auktionator und die 20 % MwSt. darauf. Alle von mir oben genannten Preise waren Rufpreise ohne diese Zusatzkosten. Am Ende sind folgende Zahlen erzielt worden:

Gesamterlös der Sammlung: 21.675.500 €

zuzüglich 16 % / 14 % für den Auktionator: 2.885.680 €

darauf 20 % MwSt: 577.136 €

Auf den Gesamterlös sind ca. 30 % Erbschaftssteuer fällig: 6.502.650 €

Der Nettoerlös für die Erben beträgt somit: 15.172.850 €

Der französische Staat kann sich freuen. Er erhält aus MwSt. und Erbschaftssteuer einen großen Anteil des Erlöses und zwar 7.079.786 €

Diese Auktion war ein großartiges Ereignis und meine Teilnahme ein unvergessliches Erlebnis. Dem Haus „Artcuriel“ ist eine riesige Show gelungen, von der Ankündigung, über die Ausstellung bis hin zu den erzielten Preisen. Aus meiner Sicht wurden hier nicht nur die Fahrzeuge verkauft. Hier wurden Emotionen vermarktet. Viele der Fahrzeuge werden wohl nie restauriert, sondern bleiben so erhalten wie sie sind, mit Ihrer Geschichte. Das war zumindest die Meinung vieler Fachleute vor Ort.